2005 Litauen

Chorfestspiele im litauischen Jurbarkas (21./22. Mai 2005)

Die erste Auslandsreise führte unseren im November 2002 gegründeten Gemischten Chor „Canto Ergo Sum“ nach Jurbarkas. Die ca. 13.000 Einwohner zählende Kreisstadt liegt im Osten Litauens, in der Nähe der Grenze zur russischen Enklave Kaliningrad, nordöstlich von Kaunas, direkt am Ufer der Memel und rund 800 Kilometer von Berlin entfernt. Dort fanden von Samstag, dem 21. Mai 2005, bis Sonntag, dem 22. Mai 2005, Chorfestspiele statt, an denen sich insgesamt 19 Chore beteiligten.

Der Großteil kam aus dem Gastgeberland; aus Vilnius, Klaipeda und Jurbarkas. Ein weiterer ausländischer Gastchor kam aus Lettland. Den Auftakt der Chorfestspiel bildete ein Konzert, das mehrere Chöre mit Auftritten von je ca. 20 Minuten Dauer bestritten. Ort des Konzerts war die kleine Konzertgalerie des Museums im Park von Jurbarkas. Sie wurde als Kapelle erbaut und stand auf der ehemaligen Sommerresidenz einer Petersburger Großfürstenfamilie. In der Sowjetzeit wurde der Kirchenbau zweckentfremdet und diente als Gemüselager. Seit der Unabhängigkeit Litauens 1991 ging man daran, das Gebäude zu restaurieren. Es diente seit kurzer Zeit als Ort kultureller Veranstaltungen. Ausstellungen, Lesungen und Konzerte finden dort statt.

Der Bürgermeister von Jurbarkas eröffnete das Auftaktkonzert mit einer kurzen Rede und begrüßte die teilnehmenden Chöre sowie das zahlreich erschienene Publikum, das die Konzertgalerie bis auf den letzten Platz füllte. Unsere Chor trat als dritter auf und präsentierte einen Teils seines umfangreichen und vielseitigen Repertoires: Es erklangen deutsche Volkslieder und internationale Folklore – Lieder, die sowohl den Frühling besingen, wie z.B. Mendelssohn Bartholdys „Leise zieht durch mein Gemüt, als auch von Liebe und Liebesschmerz handeln, wie z.B. Downlands „Come again“. Der Chor erntete mit seiner gelungenen Darbietung nicht nur beim Publikum, sondern auch bei den anderen Teilnehmerchören und ihren Chorleitern in hohem Maß Lob, Anerkennung und Respekt. Dieser Auftritt reiht sich damit nahtlos in die zwei zuvor bravourös absolvierten Konzerte in der Cafeteria des Berliner Tierparks am 1. Mai und in der Pfingstkirche in Berlin-Friedrichshain am 8. Mai ein, mit denen Yvonne Sterzenbach ihre öffentliche Premiere als neue künstlerische Leiterin unseres Chores gefeiert hatte.

Der Auftritt des Chores vom Konservatorium „Stasio Simkaus“ aus Klaipeda rundete das Eröffnungskonzert des Chorfestes ab. Vor allem die originelle Choreografie, z.B. das Winken mit Tüchern, und die witzigen Verkleidungen mit Hüten, Perücken u.ä. sorgten für viel Beifall und Heiterkeit im Publikum. Der Chor aus Klaipeda, der aus Musikschülern im Alter von 13 bis 18 Jahren besteht, sollte zu unserem ständigen Begleiter auf dem Chorfest werden.

Am nächsten Tag besuchten wir nachmittags das Dorf Motiskiai. An diesem Ort stand einst das Geburtshaus von Stasio Simkaus (1887-1943). Er ist bis heute der bekannteste und bedeutendste Komponist Litauens geblieben und hat für die Chorbewegung des Landes eine ähnliche Bedeutung wie Zelter für die Chorbewegung in Deutschland. Simkaus komponierte viele litauische Volkslieder, die selbst in der Sowjetzeit gesungen wurden und die litauische Sprache und Kultur am Leben hielten. Simkaus und sein Werk wurden damit Teil der litauischen National- und Unabhängigkeitsbewegung. Darum wird die Erinnerung an ihn uns sein Werk in Litauen wach gehalten.

Auch das Chorfest in Jurbarkas wurde zu seinem ehrenden Andenken veranstaltet. Deshalb sangen alle 19 Teilnehmerchöre gemeinsam im Rahmen eines Freiluftkonzerts am Sonntagabend auf der 15 Kilometer von Jurbarkas entfernt liegenden Panemunesburg, einem zu Beginn des 17. Jahrhunderts erbauten Renaissanceschloss, das Lied „Tykus buvo vakarelis“ eines der bekanntesten Volkslieder von Simkaus. Die große Bedeutung der Chorfestspiele in Jurbarkas für die litauische öffentlichkeit wurde nicht nur durch das erneut riesige Publikumsinteresse, sondern auch Anwesenheit von Medienvertretern und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie durch Besuch des litauischen Kulturministers deutlich.

Unvergesslich bleibt die offene und gastfreundliche Art, mit der man uns in Litauen begegnete. Das gilt zum einen für die Begegnung mit den anderen Chören, besonders mit dem Chor aus Klaipeda, und zum anderen für die Wirtsleute, in deren Pensionen wir untergebracht waren, und insbesondere gilt das für unsere Reiseleiterin Kristina. Sie las uns jeden Wunsch von den Augen ab und brachte uns Land und Leute näher. Das Fazit lautet daher: Litauen ist eine Reise wert.

Text: Sascha Frenzel, Mai 2005